buch.MESSE — 15.03.2012 14:21


von Söhnke Callsen & Katrin Moser
Zwei Preise gegen die Krise Europas

Die ersten Preisträger in Leipzig: Timothy Snyder (li.) und Ian Kershaw

Mit der Verleihung des Leipziger Buchpreises zur europäischen Verständigung ist die Buchmesse 2012 am Mittwochabend eröffnet worden. Die begehrte Auszeichnung geht in diesem Jahr an zwei Preisträger, beide sind Historiker: der Brite Ian Kershaw (69) und der  US-Amerikaner Timothy Snyder (42). Sie beschäftigen sich in ihren aktuellen Werken mit dem Zweiten Weltkrieg. Sie teilen sich nun den mit 15.000 Euro dotierten Preis.

Die Autoren gehören „zu denen, die es sich zutrauen können, die Größe des Unglücks zu überblicken und dafür eine Sprache zu finden“, sagte Laudator Karl Schlögel im Leipziger Gewandhaus. Die europäische Verständigung komme ohne die Arbeit von Historikern wie Ian Kershaw und Timothy Snyder nicht aus. „Für diese Arbeit sind wir ihnen dankbar, für diese Leistung ehren wir sie”, sagte der Professor aus Frankfurt (Oder).

Kershaw, der als der bedeutendste Experte der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts gilt, wurde bereits mit seiner dreiteiligen Hitler-Biographie 1998 international bekannt. In seinem jüngsten Werk „Das Ende. Kampf bis in den Untergang. NS-Deutschland 1944/45“ widmet er sich der Frage, warum die Deutschen trotz offensichtlicher Niederlage bis zum bitteren Ende weiterkämpften. Anhand zahlreicher Beispiele legt der britische Historiker die Ursachen dar, die zu der fast vollständigen Selbstzerstörung führten.

Er würdigte in seiner Preisrede den „Weitblick und Idealismus der Gründungsväter zur Bildung von dem, was sich allmählich zur Europäischen Union entwickelte.“ Jedoch sieht Kershaw nun neue Gefahren: „Trotz großer Errungenschaften sind wir allerdings jetzt in die größte europäische Krise seit dem Zweiten Weltkrieg hineingeschlittert.“ Er warnte vor einer rückläufigen Entwicklung zu engeren nationalstaatlichen Interessen in Europa, aber er glaubt auch, dass die gegenwärtige Krise eines Tages der Vergangenheit angehöre: “Die schon erzielte europäische Verständigung bröckelt zwar im Augenblick. Aber sie wird nicht verschwinden und sich auf Dauer wohl sogar weiter vertiefen”, so Kershaw.

Timothy Snyder ist Professor für Geschichte an der renommierten Yale-University und hat sich auf Holocaustforschung und Osteuropäische Geschichte spezialisiert. Er verbindet in seinem 2011 erschienenen Buch „Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin“ die deutschen und sowjetischen Ermordungen in der Mitte des 20. Jahrhunderts und nimmt dabei individuelle Schicksale besonders in den Blick. „Es war nicht mein Wunsch, dieses Buch zu schreiben. Als ich Osteuropa-Historiker wurde, wuchs aber im Lauf der Jahre mein Gefühl, es müsse geschrieben werden.“ Die Politik von Nazis und Sowjets habe die Menschen zu Zahlen gemacht; es sei die Pflicht der Historiker, aus den Zahlen wieder Menschen zu machen.

Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung würdigte beide Preisträger als herausragende Historiker und exzellente Erzähler, die es ermöglichten, die Schrecken des Zweiten Weltkrieges grundlegend zu verstehen. „Das ist dokumentarische und literarische Meisterschaft.“

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