buch.SÜDOST — 15.03.2012 10:04


von Gabriel Kords
“Wir haben jetzt erst die Stunde Null”

Mit dem Osteuropa-Schwerpunkt “Tranzyt” wagt die Buchmesse sich in diesem Jahr auf Neuland. Zwar gab es schon immer ein osteuropäisches Schwerpunktland, aber in diesem Jahr sind es gleich drei: Polen, die Ukraine und Belarus. Zudem ist die neue Reihe gleich auf drei Jahre ausgelegt. Die Buchmessies haben den Schwerpunkt-Kurator Martin Pollack zu seinem Konzept befragt.

buchmessies.de: Im Schwerpunktthema Polen-Ukraine-Weißrussland geht es um den Transit ukrainischer und belarussischer Literatur über Polen in den deutschen Sprachraum. Wie soll dieser Transit funktionieren?
Das ist in der Tat die Frage. Ob das funktioniert, wird sich zeigen. Es ist kein Zufall, dass wir diese drei Länder gewählt haben, denn es ist ein gemeinsamer historischer Raum. Polen ist dabei so etwas wie eine Brücke für belarussische oder ukrainische Literatur. Wir haben den Namen daher nicht zufällig gewählt und ich glaube, dass das funktioniert.

Und was bedeutet das konkret? Was muss passieren, um weißrussische Literatur im deutschen Raum voranzubringen?
Der belarussische Markt ist in Deutschland noch kaum vorhanden. Damit sich das ändert müsste – ganz zynisch gesagt – wahrscheinlich eine Katastrophe oder – optimistischer – eine Revolution passieren. Weltliteratur ist ja auch immer konjunkturell, das haben wir bei der ukrainischen Literatur gesehen, wo die „Orangene Revolution“ ein großes Interesse an der Landesliteratur nach sich gezogen hat. Ich hoffe erst mal, dass die Literatur als solche gefördert und übersetzt wird und dass sich hierzulande ein Interesse daran findet. Allerdings bin ich mir im Klaren darüber, dass das ein sehr langsamer Prozess ist, der viel Geduld braucht. Also wenn da kein großer Knall kommt, wird das ein langsamer Prozess.

Kann das Programm „Traduki“ für Südeuropa ein Vorbild sein?
Ja, auf jeden Fall. „Traduki“ ist ein Programm, das auch schon lange Zeit funktioniert. Das Programm zeigt, wie das geht, Kulturen zusammenbringen: Man muss Netzwerke, die es  in Ansätzen schon gibt, zu uns herüberholen und verstärken. Es gibt zu wenige Übersetzer, da beginnt momentan das Problem. Wir haben jetzt erst die Stunde Null.

Im Zuge des Schwerpunktthemas Belarus wird derzeit häufig über die schwierige politische Situation in Belarus berichtet, auch über die der Literaten. Wie viel Politik verträgt die Literatur?
Das müssen die Autoren für sich entscheiden. Ich warne immer davor, dass man die Literatur zu sehr mit Politik belädt, dass man sie vor allem auf politische Inhalte untersucht oder abklopft. Das sehen auch viele meiner belarussischen Kollegen so, wie etwa Andrej Chadanowitsch. Sie verwahren sich dagegen, dass man sie nur zu politischen Inhalten befragt. Auf der anderen Seite ist ganz klar, dass Literatur jeweils in einem politischen Umfeld und unter politischen Bedingungen entsteht.  Autoren sind in einigen osteuropäischen Ländern, etwa in Belarus, eventuell der Zensur ausgesetzt, auch Verlage stehen unter Druck. Man kann Politik und Literatur letztlich nicht trennen.

Die Veranstaltungen des Schwerpunktthemas „Tranzyt“ sind meist konventionell angelegt. Richten die sich eher an das interessierte Fachpublikum oder hat gute Literatur gar keine Events nötig?
Es ist schwierig, große Events zu gestalten. Das hängt auch mit den Finanzen zusammen. Als Kurator wollte ich auch nicht zu viel von der Literatur ablenken. Das hängt zudem damit zusammen, dass wir noch sehr wenig wissen über die Literaturen dieser Länder, sodass wir grundlegende Arbeit leisten müssen, bevor man mit bunt schillernden Events daherkommt.

Worauf freuen Sie sich besonders?

Ich freue mich ganz besonders auf das Panel zu den ”Erinnerungskriegen”. Das ist eine Lesung und ein Gespräch, bei dem es um die Aufarbeitung der kommunistischen Ära in den Ländern geht und das stößt bei uns auf großes Interesse.

Zur Person: Martin Pollack

Martin Pollack ist ein österreichischer Schriftsteller und Übersetzer. Im vergangenen Jahr erhielt er für seinen Roman Kaiser von Amerika. Flucht aus Galizien den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2011. Zudem gilt als einer der profundesten Übersetzer osteuropäischer Literatur.

Noch Fragen? Video-Interview
Die Bosch-Stiftung, die Co-Veranstalterin des Tranzyt-Schwerpunkts ist, hat mit Martin Pollack ein ausführliches Video-Interview geführt. Hier ist es:

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