buch.KUNST FrontpageFeature — 18.03.2012 10:58


von Tobias Fülbeck & Susanna Zdrzalek
Warum Buchcover sich immer stärker ähneln

Ein leerer Stuhl – mal weiß mit roten Plüschkissen, mal zusammenklappbar, mal schlammbraun und ranzig, mal mit Rollen drunter. Frauenköpfe – blond, brünett, schwarzhaarig. Und rote Rosen in rauen Mengen. Eines haben diese Motive gemeinsam: Sie alle sind Renner unter den Buchcovern.

Wer in diesen Tagen über die Leipziger Buchmesse schlendert, bekommt schnell das Gefühl, die Bücherwelt sei ein Einheitsbrei. Klar: Krimis sind Massenware, aber ist es Zufall, dass die „Verpackung“ der Thriller von Sebastian Fitzek kaum von einem Stephen King-Cover zu unterscheiden sind? Was reitet die Buchbranche, ein Heer von Buchverpackungen auf den Markt zu werfen, die sich oftmals so wenig voneinander unterscheiden wie Soldaten in Uniform?

Hülle schlägt Inhalt

Eva Brenndörfer weiß es. Sie ist Pressesprecherin vom Piper Verlag. Im Regal hinter ihr: sich auffällig gleichende Fantasy-Romane. „Ja, man kann von einem Einheitsbrei in der Buchcoverlandschaft sprechen“, gibt sie zu. „Aber das hat seinen Sinn. Wir wollen eben möglichst viele Bücher verkaufen.“ Das Cover sei dabei das A und O – den Wettstreit auf dem Wühltisch der Buchhandlung gewinne nicht der Inhalt, sondern die Hülle. Deshalb werden Cover von Kassenschlagern schnell zum Trend. „Wir kupfern gegenseitig ab. Das machen alle Verlage“, sagt Eva Brenndörfer. Als die Stieg-Larsson-Trilogie (Heyne-Verlag) um den schwedischen Wirtschafsjournalisten Michael Blomkvist die Bestsellerlisten stürmte, ließen sich zahlreiche Verlage vom düsteren Cover inspirieren, sagt Marianne Wagner von der Random-House-Verlagsgruppe, zu der neben Heyne noch 42 andere Verlage gehören.

Doch ist der durchschnittliche Leser, ist die durchschnittliche Leserin wirklich so simpel gestrickt? Schlägt die Verpackung tatsächlich den Inhalt? Die Zahlen verraten es. Als die etwas altbackenen historischen Romanen der britischen Autorin Georgette Heyer 2004 ein Facelift bekamen – im Stil der neuaufgelegten Jane-Austen-Bücher – verdoppelten sich deren Verkaufszahlen. „Viele Buchcover sind sich verlagsübergreifend sehr ähnlich. Aber der Witz ist, dass es funktioniert. Die Bücher werden gekauft“, sagt Eva Brenndörfer.

Kauf mich!

In ihrer Diplomarbeit „Stilübungen zur Buchtitelgestaltung. Ein Experiment mit Variablen und Konstanten“ hat die Kommunikationsdesignerin Veronika Günther die Wirkung von Buchcovern untersucht. Ihr Fazit: „Wenn wir in eine Buchhandlung gehen, lassen wir uns durchaus von der Umschlaggestaltung zum Stehenbleiben verleiten, vielleicht auch dazu, das Buch in die Hand zu nehmen und den Klappentext zu überfliegen, auch wenn wir nur gekommen sind, um ein bestelltes Buch abzuholen. Umschläge wollen uns zum Lesen einladen, wenn nicht gar verführen.“ Und: „Heute steht die verkaufsfördernde Wirkung des Umschlags im Vordergrund, er soll Interesse wecken und informieren, uns zum Kauf ermuntern.“ Kaum zwei Sekunden habe ein Cover in der Buchhandlung Zeit, beim Kunden Aufmerksamkeit zu erregen.

Für Grafiker ist diese Wahrheit oft eine bittere. Buchmesse Leipzig, Halle drei. Studenten der Fachhochschule Bielefeld präsentieren sich – sie sind angehende Buchgestalter. Auf den Büchern, die vor ihnen auf dem Tisch liegen, sind weder leere Stühle, noch Frauenköpfe, noch Rosen abgebildet. Jedes ist anders, einzigartig, außergewöhnlich, teuer und aufwändig produziert. Buchkunst eben – aber als große Ausnahme. „Wer Belletristik-Cover gestaltet, muss sich anpassen, muss das liefern, was sich verkauft“, sagt Student Arne Vogt. Das wird einem schon im Studium eingeimpft. Bei den Verlagen gelte das Motto: Sicherheit vor Risiko. Mit dem Fazit, dass die Vielfalt auf der Strecke bleibt. „Die Cover auf den meisten Büchern sehen aus, wie an einem Tag heruntergestaltet. Das ist keine Kunst, sondern Fließbandarbeit“, bilanziert Arne.

96.000 Cover pro Jahr

Eva Brenndörfer vom Piper Verlag hält dagegen: „Wir diskutieren tagelang, bis wir uns für ein Cover entscheiden.“ Lektoren, Marketingabteilung, Verkaufsleiter, Pressestelle – alle hätten ein Wort mitzureden. In wenigen Ausnahmen sei auch der Autor selbst beteiligt – vorausgesetzt er hat Rang und Namen. Piper diskutiert nicht das Cover von zehn oder 20 Büchern im Jahr – sondern von Hunderten.

Laut Börsenverein des Deutschen Buchhandels sind 2010 in Deutschland 95.838 neue Bücher auf den Markt gekommen – 2,9 Prozent mehr als 2009. Dass sich da etliche vom Cover ähneln, ist kein Wunder.

Müssen wir uns also abfinden mit dem Meer nahezu identischer, austauschbarer Cover? „Ich glaube nicht, dass sich daran etwas ändern wird“, sagt Eva Brenndörfer vom Piper Verlag. „Wieso sollte es?” Dennoch sei es wichtig, dass Verlage auch mal die Bremse ziehen; sich vom Trend abgrenzen; einen neuen Weg einschlagen. Aber solange die Buchkäufer die optische Langeweile in den Buchhandlungen nicht stört und sie nicht von einer falschen Erwartungshaltung eines Covers enttäuscht werden, können die Verlage die immer gleichen Grafiker engagieren.

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