buch.MACHER FrontpageFeature — 17.03.2012 15:18


von Matthias Mockler & Louisa Thomas
Tabu!

Ihr erstes Tabu hat sie in der Pubertät gebrochen: Da schrieb sie Gedichte für die „Schülerwand“. Eine richtige Schülerzeitung war verboten. Kurze Zeit später verbrannte Annett Gröschner ihre Gedichte. Sie fand sie peinlich, so wie das eben ist, in der Pubertät. Nach der Wende las sie genau jene Gedichte wieder – in ihrer Stasi-Akte. Für den Staat waren die belanglosen Gedichte einer Schülerin ein Tabubruch.
Heute, viele Jahre später, in der Demokratie, sind wir oft versucht zu behaupten, Tabus gäbe es nicht (mehr). Dennoch erscheinen immer wieder Bücher, die zum kollektiven Aufschrei führen, eben weil sie Tabus brechen. Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“, Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ oder Christian Krachts „Imperium“ sind nur ein paar Beispiele.
Was ist ein Tabu? Was versteht man unter einem Tabubruch? Und wer entscheidet, wo die Grenze liegt? “Tabus sind Meidungsgebote”, meint Annett Gröschner. „Ich glaube, was unsere Tabus sind, das sehen erst die kommenden Generationen.“
Heute arbeitet die 47-Jährige als Schriftstellerin und Journalistin in Berlin. Tabus bricht sie immer noch gern. Einmal, als sie wütend war, äußerte sie sich positiv über die RAF. Dafür kassierte sie vom Verlag sofort einen Dämpfer. „Ich habe meine Äußerung nicht zurückgezogen“, sagt sie. „Aber das zeigt, dass es auch heute noch heilige Kühe gibt, über die man nicht spricht, zum Beispiel die RAF, Geld, Sex.“
Es sind aber auch Themen wie Fremdenhass, Antisemitismus und Sexualität, die uns aufmerken lassen. Darf man deshalb nicht über sie schreiben?
„Doch!“, sagt Gröschner. Für sie habe aber die Literatur oberste Priorität. „Ich finde es zu kalkuliert, sich ein Tabu zu suchen und dann eine Geschichte darum zu bauen. Ich will Geschichten erzählen!“ Ihr neuer Roman belegt das. In „Walpurgistag“ erzählt sie von Annja Kobe, einer Berlinerin, die die Vorbereitungen auf den 1. Mai nutzt, um mit ihrem Vater umzuziehen. Das Pikante: Ihr Vater ist seit zehn Jahren und fünf Monaten tot. Seitdem lagert sie ihn in der Kühltruhe.
Spannende Geschichte oder Tabubruch?

Die Podiumsdiskussion „Tabuzonen: worüber man nicht schreiben darf?“ findet täglich im Café Europa, Halle 4, statt. Demnächst wird ein Essaybuch zu dem Thema veröffentlicht.

 

 

 

 

Und was sagen andere Autoren dazu?


Text: Louisa Thomas Video: Gabriel Kords/Matthias Mockler

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