buch.MACHER FrontpageFeature — 19.03.2012 14:26


von Ariane Missuweit
Krankhaft verstrickt

Die Beststeller-Autorin Zeruya Shalev war auf der Leipziger Buchmesse einer der meistgefragten Gäste. Berühmt wurde sie mit einer Romantriologie (“Liebesleben”, “Mann und Frau”, “Späte Familie”), bei der sie sich der Komplexität und den Mühen der modernen Liebe widmete. Ihr neuer Roman, “Für den Rest des Lebens”, den sie auch auf der Messe präsentierte, ist als thematische Weiterentwicklung zu verstehen. Diesmal geht es der Autorin um die Komplexität der Liebe zwischen Eltern und Kindern, um die Mühlen der modernen Familie.

Und es ist ein schwermütiger, geradezu düsterer Lesestoff. Die Autorin seziert in dem Roman - in der für sie typischen Erzähl- und Detaildichte–  leidvolle “Familienkrankheiten”, solche nämlich, die zwar nicht körperlich vererbt, aber dennoch von Generation zu Generation weitergegeben werden. Meistens geschieht dies, ohne dass die Beteiligten es merken und fast immer, ohne dass sie es wollen. Die Krankheiten tragen verschiedene Namen und sind sich doch irgendwie ähnlich: Rastlosigkeit, Leere, Unsicherheit. Oder auch: Schuldgefühle, Verlustängste, Phantomschmerz. Shalevs Roman spielt im modernen Israel und zeigt die schier unauflösbare und unglückliche Verstrickung von drei Familienmitgliedern. Die Autorin gibt ihnen jeweils eine eigene Stimme, mit der diese sowohl über sich selbst als auch über die anderen reflektieren.

Chemda ist 80 Jahre alt, schwer krank und bettlägerig. Ihre Kinder besuchen sie zwar regelmäßig, aber dennoch viel zu selten, wie sie findet. Hörprobe:

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Chemda vergöttert ihren Sohn Avner, der sich von ihrer Liebe erdrückt fühlt. Hörprobe: 

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Der Rechtsanwalt fühlt sich in seiner Ehe gefangen und verliert sich zunehmend bei der Suche nach einer geheimnisvollen Frau, einer Unbekannten mit roter Bluse, die er nur einen flüchtigen Moment lang sah und die seine Liebe nicht erwidert. Auch Avners Schwester Dina befindet sich in einer Lebenskrise. Die Geschichtsdozentin spürt eine unsagbare Leere und ist besessen von dem Wunsch, ein zweites Kind zu haben. Da sie zu alt ist, um noch einmal Mutter zu werden, möchte sie einen Sohn adoptieren, sehr zum Missfallen ihres Mannes und ihrer 16-Jährigen Tochter Nizan. Hörprobe:

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Chemda, Avner und Dina machen sich gegenseitig und sich selbst heftige Vorwürfe. Aus den fordernden Fängen der Familie und den wiederkehrenden Entbehrungsmustern der Kindheit gibt es für sie kein Entrinnen.

Avner und Dina entscheiden sich schließlich dazu, vorübergehend in die Wohnung ihrer pflegebedürftigen Mutter zu ziehen, zurück an den Ort ihrer Kindheit. Ihre Erinnerungen wühlen sie zutiefst auf, sie sind gedanklich allein damit und doch als Geschwister vereint. Die Mutter Chemda wiederum denkt in diesen Tagen viel an ihre eigenen Kindheitserlebnisse zurück: an das Aufwachsen im Kibbuz, die Nächte in einem Kinderhaus, an ihre vielbeschäftigten und unnahbaren Eltern.

Die Autorin Zeruya Shalev, Foto: Eric Sultan

Was bleibt von einem Menschen, kurz bevor er die Welt verlässt? So lautet die zentrale Frage, die der Roman aufwirft. Ist “der Rest” das, was vergangen ist, was man erlebt, gefühlt und gedacht hat? Oder ist es vielmehr das, was einem am Lebensabend geblieben ist: das Eindeutige, Gesicherte, Aufbewahrte, die vorzeigbaren Fotos, die Eckpunkte im Lebenslauf? Sind es vor allem die eigenen Kinder, die von einem übrig bleiben, wenn man stirbt? Oder ist der “Rest des Lebens” genau das nicht, ist er vielmehr das Unaufgearbeitete: alte Kamellen, Familiengeschichten, tief gelagerte und fest verschlossene Gefühlswelten, unerfüllte und längst vergessene Sehnsüchte? Ein Rest Nestwärme, Liebe und Naivität vielleicht und die unzerrüttbare Hoffnung, die man aus der Kindheit in das Erwachsenendasein herüberretten konnte. Vielleicht ist “der Rest” auch nur das, was noch kurz vor dem Tod  auf einen zukommt.

Was kann man noch ändern an einem gelebten Leben? Welche zwischenmenschlichen Fehler in der Familie sind korrigierbar? Der Roman wirft noch eine zweite wichtige Frage auf, und zwar aus der Perspektive von Dina, die selbst eine Tochter hat: Kann man mehr Liebe und Weisheit an seine Kinder weitergeben, als man von seinen Eltern bekommen hat?

Es gibt zwei singuläre Lebenssituationen, in denen diese Fragen für einen jeden Menschen von besonderer Relevanz werden: kurz bevor man stirbt und kurz bevor die eigenen Eltern sterben. Die Schuld von Chemda, die vor allem Dina keine gute Mutter war, löst sich erst auf ihrem Sterbebett auf. Die Autorin Shalev sagte bei einer Lesung auf der Leipziger Buchmesse: “Der Tod Chemdas ist ein Geschenk an Dina.” Weil es das erste innige Geschenk sei, das sie ihrer Tochter macht.

Es ist Shalevs großer Verdienst, diesmal mehr Systematik, mehr “Eindeutigkeit” in die Erzählperspektiven und Handlungsmotive ihrer Protagonisten gebracht zu haben als in ihren früheren Romanen, auch wenn dies bei einigen Rezensenten deutliche Kritik nach sich zog. Dieses Thema, nämlich ”chaotische” Familienverhältnisse, verlangt aber danach. Denn im Gegensatz zu Ehepartnern und Geliebten haben sich Kinder und Eltern nicht selbst gewählt. Das macht alles unendlich komplizierter: das Gehen wie das Bleiben. Folglich besteht neben der Flucht nur die eine Möglichkeit, ja die Notwendigkeit, ein wenig Ordnung im Chaos zu schaffen.

Verstrickte Familienverhältnisse gibt es in allen Gesellschaften. Aber in Israel seien sie aus den speziellen historischen und politischen Kontexten heraus besonders häufig zu finden, sagt Shalev. In fast jeder Familie gebe es Verluste zu beklagen, ob durch den Holocaust, bei Israels Kriegen mit den Nachbarstaaten oder durch Terroranschläge, so Shalev. Die Familie werde dabei zu einem erdrückenden Zufluchtsort. Aus einer existenziellen Angst heraus seien die Familienmitglieder bestrebt, sich aneinander festhalten und die größtmöglichste Nähe zueinander zu bewahren. In diesem Ausmaß sei das “Aneinanderkleben” sicher nicht gesund, sagt Zeruya Shalev.

Doch was verspricht Heilung? Reicht es, sich zu erinnern und darüber zu reden, wie Shalevs Romanfiguren es 500 Seiten lang tun? Ein weiterer Schritt für Chemda, Avner und Dina wäre so kompliziert wie einfach: die anderen loszulassen.

Zeruya Shalev im Interview mit Christiane von Korff from Bloomsbury Verlag on Vimeo.

Ton: Katja Beyer, Söhnke Callsen, Ariane Missuweit

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