buch.KUNST FrontpageFeature Unkategorisiert — 18.03.2012 15:28


von Julia Born
Graphic Novel: Comic oder Literatur?

Graphic Novels haben Hochkonjunktur – dank eines Etikettenschwindels. Denn „Graphic Novel“ bezeichnet eigentlich nichts anderes als ein Comic.

Graphic Novel – dieser kunstvolle Anglizismus beschreibt dicke Bildbände, die auf dem deutschen Buchmarkt einschlagen wie Meteoriten. Allein der Carlsen Verlag verlegt rund 30 Titel, die autobiographisch, historisch oder gesellschaftskritisch sind. Der Panini-Verlag führt 10 Geschichten und der Suhrkamp-Verlag ist im vergangenen Jahr mit einer bildlichen Adaption von Thomas Bernhardts „Alte Meister“ auch ins Geschäft mit den Novellen eingestiegen. „Es werden stetig mehr, die Graphic Novels sind im gesamten Buchmarkt einer der wenigen Wachstumsbereiche“, sagt Sabine Witkowski, Lektorin des Carlsen-Verlags.

Graphic Novels kein Novum

Dabei sind Graphic Novels kein neues Phänomen. Schon 1978 hat der amerikanische Zeichner Will Eisner seinen Band „A Contract with God“ als Graphic Novel bezeichnet, wohl wissend, dass ihn sein Verleger ausgelacht hätte, hätte er ihm einen Comic vorgelegt. Eisner wollte etwas schaffen, dass sich mit Literatur messen konnte. Seither sind sich Fachleute über die richtige Definition der Bildbände uneins. „Bei den Graphic Novels handelt es sich um graphische Literatur“, sagt Witkowski. In ihrer Vielfalt stehen die Bildbände der Literatur in nichts nach. Politische Reportagen und Lyrik haben die Novel-Zeichner ebenso in Linien verwandelt wie ihre eigenen Lebensläufe als Biographien. Aber die Bildbände seien eben auch Comics, man müsse diese als eine Sparte des Genres Comic verstehen, sagt Witkowski. Gegen diesen Stempel allerdings wehren sich Zeichner wie David Small, dessen autobiographische Bildgeschichte seit kurzem in Deutschland verlegt wird. „Comic -  das Wort kommt vom englischen Wort comical und bedeutet, dass es sich um etwas Lustiges handelt. Aber in meiner Geschichte ist eben nichts witzig. Für einen Zeichner wie mich ist die Bezeichnung schlichtweg beleidigend“, kritisiert David Small.

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Auf dem Buchdeckel von David Smalls Biographie klebt an prominenter Stelle ein Sticker, der darauf hinweist, dass es sich um eine Graphic Novel handelt. Seit fünf Jahren nun bezeichnet der Carlsen Verlag die Bildbände ganz explizit als Graphic Novel und spricht damit ein Lesepublikum an, das anspruchsvoller ist als die Liebhaber von Comic-Heftchen, die ihre Lektüre am Kiosk kaufen: „Die Leser wollen, wenn sie ein Comic in die Hand nehmen, auch ein richtiges Buch haben, von dem man lange etwas hat“, weiß Lektorin Witkowski. Die Marketingstrategie, den Begriff „Graphic Novel“ so offensiv ins Feld zu führen, geht auf. Seither seien die Verkaufszahlen der Bildergeschichten nochmals signifikant angestiegen, so die Lektorin. Der Grund für den Novel-Hype sei ein neues Publikum. „Graphic Novels werden mittlerweile auch von vielen Erwachsenen gelesen, die allerdings niemals ein Comic in die Hand nehmen würden.“ Die Mentalität habe sich verändert, so die Lektorin. „Die Nachkriegsgeneration war konservativ. Da waren Comics, Krimis und die Beatles eben Schund.“ Da komme der kunstvolle Anglizismus gerade recht, denn er sei neutral und erinnere eben nicht an kitschige Heftchen vom Kiosk, sondern an Literatur.
Buchhändler Axel Schumbrutzki aus Leipzig plant in seinem Laden sogar ein eigenes Regal für die Graphic Novels. „Die Bildbände machen genau das wett, was Comics wegen ihres schmuddeligen Images nie geschafft haben. Sie breiten sich auf alle Genres aus.“

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Was hat sich verändert: Publikum oder Produkt?

Während einige Fachleute von einem Hype sprechen, schrecken andere davor zurück, die Geschichten zu glorifizieren. „Graphic Novels sind nichts Neues, die gab es schon immer“, sagt Steffen Volkmer vom Panini Verlag. Auch das Publikum für Bildergeschichten, die „mit mehr Tiefgang agieren“, sei schon immer da gewesen, verändert habe sich nur die Mentaltität der Buchhändler. „Wir haben mittlerweile eine neue, jüngere Generation an Buchhändlern, die offen für so etwas wie Graphic Novels sind.“ Im vergangen Jahr ist im Panini Verlag die Bildergeschichte „Israel verstehen“ von Sarah Glidden erschienen, in der die amerikanische Zeichnerin Eindrücke von ihrem Besuch im Westjordanland festgehalten hat. Seit vergangenem Sommer seien bereits 20.000 Exemplare verkauft. Das Beispiel von Glidden zeigt den Anstieg der Verkaufszahlen: „Bei Comics werden meistens nur etwa 5.000 Exemplare verkauft“, ist Volkmer vom Erfolg der Ausgabe begeistert.

Der Hype um die Graphic Novels bildet womöglich nicht nur einen Trend auf dem Buchmarkt ab, sondern mehr noch: einen kulturellen Wandel. Unser Literaturverständnis und die Ansprüche der Leser an Literatur haben sich offensichtlich verändert. Literarizität entsteht nicht mehr nur aus einem Gewebe von Worten, sondern auch aus Bildern.

Ein Leben in Linien


David Small hat seine Biographie nicht geschrieben, sondern gezeichnet. Der amerikanische Illustrator erkrankte als Kind an Kehlkopfkrebs, nachdem ihn sein Vater, ein Radiologe, in den 50er Jahren mit Röntgenstrahlen behandelt hatte, eine gängige Therapiemethode bei Atemproblemen. Seine Graphic Novel „Stiche“ ist jetzt auch in Deutschland erschienen.

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