buch.SÜDOST FrontpageFeature — 18.03.2012 16:05


von Gabriel Kords & Ariane Missuweit
Flaschen statt Frauen

Wortgewaltig und kurzweilig war sie, die Balkan-Nacht im UT Connewitz: eine vierstündige Performance, bei der es Musik, Lesungen, Kurzfilm, Musik, Lesungen und wieder Musik aus Südosteuropa zu entdecken gab. Viel Wehmut und Demut klangen durch, als die Autoren ihre Texte lasen, aber auch ein Hauch von Aufbruchstimmung: Geschichten von Menschen mit einem unverrückbaren Stolz und einem sehr eigentümlichen Charme. Tiefschwarzer Humor zog sich wie ein Leitmotiv durch die vielen Texte und Kurzfilme der Balkan-Nacht – ein Humor, der insbesondere im Spiegel der Jugoslawienkriege und der wirtschaftlichen Schwäche der südosteuropäischen Länder zu verstehen ist.

Die Mischung aus Melodramatik und ausgelassener Lebensfreude findet sich auch in der Musik des Balkans wieder. Und wenn die Musiker vom Balkan erst einmal in Feierstimmung sind, dann wird es schnell schweißtreibend. Das gilt vor allem für Zoran Madžirov, mazedonischer Percussionist, Vibraphonist und Erfinder des “Flascheninstruments”, der sich selbst gerne als “Bottle Man” bezeichnet und zwischen die vielen Lesungen des Abends betörende und bizarre Glasklänge streute. Seinem Spiel mit halbvollen Bier- und Weinflaschen sind keine Grenzen gesetzt: Eruptive Jazzrhythmen gehören ebenso in sein umfassendes Repertoire wie Bachs Badinerie und andere klassische Stücke. Und auch das Zusammenspiel von Madžirov mit Vlado Kreslin, einem slowenischen Kantautor, Folk-Rock-Musiker und Gitarrist, klang wie lange zuvor geprobt, obwohl sich beide Musiker erst am Vorabend kennengelernt hatten.

Madžirovs Improvisationen sind verspielt, freischwebend, zuweilen disharmonisch, aber stets unkonventionell. Sein Tempo ist haarsträubend. Er hämmert und schlägt nicht nur gegen die Flaschen, manchmal streichelt er sie auch. Er besingt sie, stampft mit den Füßen dazu, er tanzt mit ihnen. Er lässt sich von ihrem Klang verführen und verführt die Zuhörer. Er feiert sich und lässt sich feiern. “Man muss Leidenschaft für die Flaschen mitbringen, das ist wie mit den Frauen”, sagt Zoran Madžirov.

Leider waren es genau sie, die etwas zu kurz kamen an diesem Abend: die Frauen. Denn mit Ausnahme von Dramaturgin Ivana Dimić und den beiden Moderatorinnen, Alida Bremer und Hana Stojić, gehörte die Bühne an diesem Abend den Glasflaschen und den Männern.

Die Serbin Ivana Dimić sprach über Kurzgeschichten. Foto: Gabriel Kords.

 

 

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