buch.SÜDOST — 15.03.2012 13:25


von Gabriel Kords & Ariane Missuweit
Der Fokus liegt auf dreizehn Ländern

Warum ein Schwerpunktland, wenn es auch dreizehn sein können? Beim Messe-Dauerthema Osteuropa geht es in diesem Jahr vielfältiger zu als je zuvor: Die Schwerpunktländer reichen von Belarus bis Albanien und von Slowenien bis Rumänien. Unterteilt sind sie in zwei Bereiche: „Traduki“ widmet sich zehn südeuropäischen Ländern, in „Tranzyt“ geht es um Polen, die Ukraine und Belarus.

Dass es kein einzelnes Schwerpunktland gibt, hängt damit zusammen, dass sich die Messe als Forum für die Literaten ganzer Länderregionen sieht, wie Buchmesse-Chef Oliver Zille am Mittwoch bei der Eröffnung sagte. Wir stellen nachfolgend die Schwerpunkt-Bereiche und unsere Planungen für die nächsten Tage vor.

„Tranzyt“: Polen als Scharnier zur Ukraine und zu Belarus

"tranzyt": Forum für die Literaten ganzer Regionen

Die Fachleute sind sich einig: Eines Schwerpunktes zur polnischen Literatur hätte es eigentlich nicht bedurft, denn auf dem deutschen Markt sind die Polen und auch ihre jüngeren Vertreter wie Olga Tokarczuk und Andrzej Stasiuk bereits eine literarische Größe.

Dass die Leipziger Buchmesse Polen trotzdem ins Schwerpunkt-Programm aufnahm, begründet Kurator Martin Pollack mit der Brückenfunktion, die der polnische Literaturbetrieb für die Schwerpunktländer Ukraine und Belarus hätten. Der Kurator hofft, der ukrainischen und weißrussischen Literatur auf diese Weise die Türen für den deutschen Markt zu öffnen. „Wir stehen momentan bei der Stunde Null. Wir wissen wenig über diese Länder und müssen hier erst Strukturen zur Förderung von Übersetzungen und Übersetzern etablieren.“ (Das vollständige Gespräch der Buchmessies mit Pollack gibt’s hier.)

Womit kann man rechnen? Höhepunkte auf der Messe und bei den Buchmessies

Innerhalb des „Tranzyt“-Schwerpunkts wird der Fokus jeden Tag auf einem Land liegen. Dieser Richtschnur werden auch die Buchmessies folgen.

Eröffnung des Tranzyt-Schwerpunkts am Donnerstag (Foto: M. Mockler)

Am Donnerstag geht es neben den üblichen Eröffnungszeremonien um die Literatur in Belarus. Um 17 Uhr gibt es dazu eine Überblicksveranstaltung. Wir werfen aber auch einen Blick auf die Situation der Schriftsteller in “Europas letzter Diktatur” und stellen auch die Frage, wie sinnvoll es ist, die Literatur und das Politische zu verknüpfen.

Am Freitag steht mit Polen ein Land mit einer traditionsreichen und lebendigen Literaturszene auf dem Programm. Die Schriftsteller Andrzej Stasiuk und Joanna Bator geben um 17 Uhr einen Überblick über die aktuelle Situation der polnischen Literatur. Wir stellen außerdem die Frage, ob Polen tatsächlich eine Brückenfunktion für ukrainische und weißrussische Literatur wahrnehmen kann – so wie es sich die Buchmesse und Kurator Pollack wünschen.

Natürlich sind wir auch beim Internationalen Autoren-Kicker-Turnier dabei, an dem sogar neuseeländische Schriftsteller teilnehmen. Aus Anlass der EM geben wir auch einen Überblick über die Literatur zur Europameisterschaft. Um 19:30 setzen sich dann zahlreiche Autoren bei der Veranstaltung  „Wodka für den Torwart“ (Wiederholung: Sonntag, 13 Uhr) mit demselben Thema auseinander.

Der Samstag steht dann im Zeichen der Ukraine, deren Büchermarkt in Deutschland schon eine gewisse Bekanntheit genießt – doch es gibt Neues. Wir setzen uns insbesondere mit jungen Nachwuchs-Schriftstellern auseinander, die mit radikal neuen Themen und Stilformen für Abwechslung sorgen (Überblicksveranstaltung um 17 Uhr).

Am Sonntag gehen wir in die Zusammenfassung. Anlässlich der Vorstellung des neuen Vereins „Translit“ und der Veröffentlichung der Sonder-Zeitschrift „Radar“ werden wir fragen, ob die Messe ihr Ziel einer besseren Vernetzung erreicht hat – und worin sich das widerspiegelt.

Im Gesamtprogramm des Schwerpunkts kann man auf der Homepage der Buchmesse blättern.

„Traduki“: Kaleidoskop vom Balkan

"traduki": The Balkans Go West

Das Forum für die südeuropäischen Länder hat sich auf der Buchmesse bereits etabliert. Das Netzwerk soll den Literaten die Möglichkeit zum gegenseitigen Austausch geben, Literaturkritiker auf die Bücher hinweisen und Möglichkeiten für Übersetzungen aufzeigen. Träger sind staatliche Stellen wie das deutsche Auswärtige Amt und private Initiativen.

In Leipzig vertreten sein werden dieses Jahr 56 Autoren aus den 10 Ländern, es gibt unzählige Lesungen und Diskussionen, auch landestypische Musik wird zu hören sein.

Womit kann man rechnen? Höhepunkte auf der Messe und bei den Buchmessies

Dass es so viele Länder gibt, hat die Buchmessies bewogen, täglich einige Länderschwerpunkte zu setzen. Wir berichten live über einige Buchmesse-Veranstaltungen und verknüpfen dies mit weiterführenden Themen.

Am Donnerstag machen wir mit Slowenien und Kroatien den Anfang. Während Slowenien bereits EU-Mitglied ist, steht der Beitritt von Kroatien im Juni 2013 bevor. Das schlägt sich auch in der Eröffnungsveranstaltung mit slowenischen Autoren um 11 wieder, bei der es um die Rolle der slowenischen Literatur im europäischen Kontext geht. Außerdem beschäftigen wir uns am Donnerstag näher mit Kriegsliteratur aus Kroatien. Um 12 Uhr werden zwei neue Romane zu diesem Schwerpunkt vorgestellt.

Am Freitag werfen wir dann einen Blick auf Rumänien und Bulgarien. Um 12 Uhr unterhalten sich albanische, rumänische und bulgarische Autoren über die Rolle ihres Berufsstands als politische Treibkraft für sozialen Wandel. Die Veranstaltung ist betitelt mit „Homo poeticus – Homo politicus“.

Der Balkan steht noch sehr im Zeichen der Kriegserlebnisse. Szene aus Stolac in Bosnien (2006, Foto: Ariane Missuweit)

Der Samstag steht dann unter dem Motto „Feind und Bruder“, im Fokus sind Bosnien, Kroatien und Albanien. Wir werden über Verbindungslinien der Länder dieser Region, über Kriegserlebnisse und Jugoslawien-Nostalgie berichten und beziehen dabei zwei Veranstaltungen mit ein: Um 13 Uhr geht es um die aktuelle landestypische Musikkultur, um 14 Uhr lesen der Bosnier Lile Stojic und der montenegrische Romancier Andrej Nikoloaidis gemeinsam. In ihren Werken geht es um Erlebnisse der zurückliegenden Kriegsjahre. Im Fokus stehen zudem Bosnien, Kosovo und Albanien, die drei potentiellen Beitrittskandidaten der EU.

Abends steht dann der zweite Teil der inzwischen für die Leipziger Buchmesse traditionellen Balkan-Nacht an – den ersten Teil von „The Balkans Go West“ gibt es bereits am Freitagabend ab 20 Uhr, unter anderem mit dem Slowenischen Folk-Rocker Vlado Kreslin. Am Samstag geht es weiter mit Balkan Blues, Musik, Kurzfilmen und Lesungen. Ein Highlight wird sicherlich der Auftritt des mazedonischen Percussionisten Zoran Madzirov (auch bekannt als „bottle man“), der auf selbstgebauten Instrumenten aus Flaschen spielt.

Zum Abschluss schauen wir am Sonntag auf Serbien, Montenegro und Mazedonien, ebenfalls EU-Beitrittskandidaten. Dabei legen wir mit einer Lesung um 11 Uhr einen Schwerpunkt auf die Beschäftigung mit dem 2. Weltkrieg in der Literatur, um 15 Uhr gibt es dann eine szenische Lesung und ein Gespräch mit dem serbischen Dramatiker Uglješa Šajtinac.

Wer sich einen vollständigen Überblick über die Reihe „Traduki“ verschaffen möchte, kann hier im Programm blättern.

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