buch.FESTIVAL buch.MACHER — 16.03.2012 14:56


von Ariane Missuweit & Louisa Thomas
Das kleine “Ich” und das grosse “Wie?” der Liebe

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Bücher über die Sexualität mit autobiografischen Auszügen gab es in den vergangenen Monaten eigentlich schon genug. Man denke nur an das Feuchtgebiete-Fieber, das Charlotte Roche ausgelöst hat. “Wie wir begehren” von Carolin Emcke ist erfrischend anders. Weil es der Autorin um mehr geht als die Körperlichkeit.

Ihr Werk gehörte zu den fünf Nominierten für den Leipziger Buchpreis in der Kategorie “Sachbuch”. Ein Sachbuch also, über das Begehren, in einem Schreibstil, der innig, zärtlich und brutal offen zugleich ist. Geht das? Es ist ein Werk über Sexualität und Sehnsüchte, über Verlangen und Leidenschaft: ein Essay, der einerseits darlegt, wie eine junge Frau zu ihren Begierden findet und andererseits systematisch zu ergründen versucht, warum ihr genau das in unserer Gesellschaft so schwer gemacht wird. Die preisgekrönte Journalistin und Kriegsreporterin Carolin Emcke schreibt in diesem Buch erstmals über sich selbst. Über ihre Pubertät in den 70er und 80er Jahren in einer Kleinstadt, das Spielen im Wald, Mobbing in der Schule, die nichtssagende Bravo, Bücher, Pop-Musik und Mainstream-Filme, die sie lehren sollten, wie sie als Frau zu fühlen und zu denken hat und vor allem, wen sie zu lieben hat: Männer. Doch sie liebt Frauen.

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Es ist nicht die Frage nach dem Subjekt “WER begehrt mich”, die Emcke umtreibt. Es ist nicht die Frage nach dem Objekt: “WEN begehre ich?” Und auch nicht die Frage nach dem Grund “WARUM bin ich so? Warum begehre ich, wie ich begehre?” Die Autorin gibt keine Antworten auf die Frage, warum sie als Frau Frauen begehrt. Ob Homosexualität nun angeboren ist oder nicht. Emcke möchte weder “therapiert” werden, noch sich rechtfertigen oder erklären müssen. Emcke möchte erzählen. Um so die eigene Sprachlosigkeit und die der Gesellschaft über das Begehren und Begehrtwerden zu überwinden.
Das Fragewort, dem Emcke sich widmet, steht im Titel. Es ist das “WIE?”. Auf einer sehr intimen und persönlichen Ebene bespricht die Autorin die ganze Palette der Wie-Fragen, auf die aber letztendlich jeder für sich selbst die richtigen Antworten finden muss, wie Emcke betont: Wie begehre ich (und weiß ich das überhaupt)? Wie erlebe ich Verlangen, Sehnsüchte, Liebe? Und vor allem: Wie lebe ich dieses Begehren? Wie möchte ich es leben? Wie verändert es sich?

Das “Ich”, ihre persönliche Lebensgeschichte, ihre Homesexualität, stellt Carolin Emcke dabei weniger in den Mittelpunkt, als es manche Rezensenten vermuten und kritisieren. Emcke schreibt zwar über sich selbst, aber nicht der Selbstdarstellung wegen, sondern eher “als Mittel zum Zweck”. Sie schreibt vor allem über unsere Gesellschaft, über Gruppendynamiken, über die verschiedenen Mechanismen der Ausgrenzung, über Stigmata, die dadurch entstehen, dass häufig das Stichwort “kollektive Identitäten” fällt. Die kulturelle Identität, die ethnische Identität, die sexuelle Identität: Das sind Schubladen, die eingrenzen, findet Emcke. Sie wünscht sich, dass in öffenlichen Debatten über “andere” kulturelle Identitäten die Individualität und Heterogenität der Muslime, der Schwulen, der Migranten  usw. stärker betont werden. Und genau das ist die politische, gesellschaftskritische Botschaft in “Wie wir begehren”:  Indem Emcke auch dazu auffordert, rechtliche und soziale Diskriminierung von sozialen “Minderheiten” abzubauen.

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“Wie wir begehren” ist viel mehr als ein Sachbuch. Und auch mehr als ein Buch des Begehrens. Es ist  eine lange Liebeserklärung. Eine Liebeserklärung an die Liebe, jenseits gesellschaftlicher Normen und Konventionen. Eine Liebeserklärung an alle, die sich hin und wieder “Anders” fühlen. Ein Aufruf, die eigene Scham zu überwinden und sich zu finden, sich nicht aus Furcht vor der sozialen Ausgrenzung “anpassen zu lassen”, sich frei zu fühlen, frei zu sein.

Text: Ariane Missuweit / Ton: Louisa Thomas

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