buch.MACHER FrontpageFeature — 16.03.2012 14:08


von Tobias Fülbeck & Susanna Zdrzalek
Kracht: „Das ist doch alles nur ein Spiel“

Die  Zuhörer stehen Schlange, um sich das vermeintliche Skandalbuch „Imperium“ vom vermeintlichen Skandal-Autor Christian Kracht signieren zu lassen. Keiner der zahlreichen Fans fragt jedoch nach, wieso sich der Schweizer zu der Debatte um sein scheinbar rechtes Weltbild (Der Spiegel 7/2012) nicht äußert, keiner fragt, wie er die Debatte empfindet. Die Schlange schweigt genauso wie Kracht selbst.

Das ändert sich erst gegen 22 Uhr, als der Autor dieser Zeilen eine Kracht-Unterschrift bekommen möchte.

„Herr Kracht, warum äußern Sie sich nicht endlich mal zu der ganzen Debatte?“

Kurze Pause.

„Warum sollte ich?“

„Vielleicht, weil es um Ihre Person geht, und ganz allgemein um die Frage, was Literaturkritik darf und was nicht?“

Kurzes Lächeln.

 „Das ist doch alles nur ein Spiel, ich habe diese Texte doch gar nicht gelesen.“

Dann sagt er nichts mehr und sein Blick ist eindeutig: Mehr Sätze folgen da nicht.  Zum Beweis wendet er seinen Blick ab und kritzelt seine nächste Unterschrift samt Widmung in ein weiteres Exemplar seines Buches „Imperium“.

Eineinhalb Stunden zuvor: Der majestätische Leseseaal der 1543 gegründeten Unibibliothek Leipzig bildet die perfekte Kulisse für Krachts deutsche Lese-Premiere von „Imperium“. Die Erwartungen waren groß, die Stuhlreihen daher voll besetzt, Dutzende lauschen der Lesung stehend.

Doch Kracht verweigert weiterhin jeden Kommentar. Er verbietet erneut Foto- und Videokameras. Nicht gerade dezent weisen zahlreiche Flugblätter vor und im Lesesaal darauf hin.

Um 20.28 Uhr setzt Kracht sich schließlich in das Licht der Leselampe, begrüßt die zahlreichen Zuhörer und sagt: „Ich lese Ihnen den Schluss des Romans vor und fange jetzt an.“ Welch unprätentiöser Beginn für ein fiebriges Publikum!

Kracht liest undeutlich

Kein Wort zu der kritischen Rezension von Spiegel-Autor Georg Diez und dem in Buchform erschienenen E-Mail-Wechsel zwischen Kracht und dem US-Amerikaner David Woodard (Five Years: Briefwechsel 2004–2009). Kein Wort zu den Plagiatsvorwürfen von Autor Marc Buhl, der im „Focus“ den Anschein vermittelte,  Kracht habe einzelne Teile aus seinem Buch „Das Paradies des August Engelhardt“ abgeschrieben.

Kracht liest an diesem Abend zuweilen undeutlich, verhaspelt sich häufig. Ein großer Vorleser wird aus ihm nicht mehr. „Ich überspringe jetzt noch ein Kapitel und lese dann rasch zu Ende“, sagt er. Gerade im letzten Kapitel gelingt es ihm, die feine Ironie des neuen Romans zu vermitteln. Am Ende schließlich genießt er den Applaus und verneigt sich. „Vielen Dank für Ihre großartige Aufmerksamkeit.“

Auffallend viele junge Leute lauschten der „Leipzig liest“-Lesung. Sie wollten wissen, wie Kracht ist, tuschelten über den Autor, ohne auch nur einen Satz von „Imperium“ gelesen zu haben, wie sie selbst zugeben.

Hinterher sagt ein junger Student: „Der Kracht ist ja gar kein Nazi.“

SPLITTER:

+++ Ein großes Lob für die Arbeit Krachts gab es von Johannes Birgfeld, Literaturwissenschaftler an der Universität des Saarlandes. Birgfeld ist Mitherausgeber des Buches „Five Years“. Kracht sei ein „Autor mit eigenem Ton“ und einer der „herausfordensten und originellsten Autoren der Gegenwartsliteratur“. „Imperium“ sei für ihn ein „Abenteuerroman, ein Roman als vergnügliches und unterhaltsames Rätsel“. Auf die feuilletonistische Diskussion über „rechtes Gedankengut“ ging auch Birgfeld nicht ein. +++

+++ Kracht bleibt in der Defensive, scheint weiter das (Kamera)-scheue Reh zu sein. Er lässt sich lieber von anderen verteidigen. Diez habe „die Grenzen zwischen Kritik und Denunziation überschritten“ und Äußerungen von literarischen Erzählern und Figuren würden „konsequent dem Autor zugeschrieben und dann als Beweis einer gefährlichen politischen Haltung gewertet“, heißt es in einem offenen Brief an die Spiegel-Redaktion, den unter anderem Daniel Kehlmann, Elfriede Jelinek und Feridun Zaimoglu unterzeichneten. +++

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