buch.MACHER buch.MESSE — 15.03.2012 19:06


von Tobias Fülbeck & Susanna Zdrzalek
Christian Kracht – der Autor, das Reh

Der Autor kehrt seinem Publikum den Rücken zu. Er trippelt nervös, nestelt an seiner braunen Hornbrille. Es ist Donnerstagmittag, Messehalle drei, Stand B 500, Leipzig. Drei cremefarbene Sessel stehen bereit, sie sehen eigentlich ziemlich bequem aus. Doch Bestseller-Autor Christian Kracht windet sich, weiß nicht, ob er sich setzen soll oder doch lieber zurück hinter eine Absperrwand gehen soll. Als er sich schließlich durchringt, mehr als nur seinen Rücken zu zeigen und sich auf den Sessel setzt, um 30 Minuten lang über sein Buch „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“ zu sprechen, schweift sein Blick suchend ins Publikum, ängstlich, fast scheu. „Da vorne sind wieder Kamerateams“, flüstert er seiner Gesprächspartnerin noch kurz vor Beginn der Veranstaltung  zu – so laut, dass es die Zuhörer in der ersten Reihe noch hören können.

“Türsteher rechter Gedanken”?

Christian Kracht hat diesen Termin auf der Leipziger Buchmesse nicht abgesagt. Das ist in diesen Tagen eine Meldung wert. Die Weltpremiere seines Buches „Imperium“ in Berlin: abgesagt. Eine Gesprächsstunde der „Leipziger Volkszeitung“ eine Stunde zuvor: auch abgesagt. Denn dort hätte er nicht nur aus seinem neuen Werk „Imperium“ vorlesen, sondern sich auch den Fragen des Publikums stellen müssen. Der blonde Autor mit der leisen Stimme schweigt beharrlich zu seinem neuen Roman. Jenem Werk, das einen regelrechten Hype in den „asthmatischen Feuilletons“ (Welt) auslöste. Grund: Die Kritik des Spiegel-Autors Georg Diez, Kracht sei ein „Türsteher der rechten Gedanken“.

Kracht bricht Lesung ab

„Die Vorstellung jener schneebedeckten und ausgehöhlten Schweizer Riesenberge zogen mich auf eine fast dämonische Weise an.“ Kracht liest aus dem 2008 erschienenen Buch „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“. Er verhaspelt sich, ist nicht so richtig bei der Sache. Fühlt er sich auf der Bühne beobachtet? Ausgeliefert? Als er eine Kamera entdeckt, schreckt er hoch wie ein scheues Reh und bricht seine Lesung ab. „Bitte, können Sie mich bitte nicht fotografieren?“ Kracht legt sein Buch zur Seite, ist raus aus dem Lesefluss. „Ich kann jetzt nicht mehr, nicht so…“ Dorota Stroinska, die seine Bücher ins Polnische übersetzt hat, übernimmt seinen Part.

 Alle Gespräche abgesagt

Am Abend zuvor bei der Eröffnungsfeier im Leipziger Gewandhaus hatte sich Kracht auch nicht fotografieren lassen. Er kam erst eine Minute vor Beginn der Veranstaltung hereingehuscht, als die allermeisten Gäste schon da waren. Noch vor Ende der Veranstaltung stand er am Büffet, als wolle er Gespräche auf dem Gang vermeiden.

Laut Gaby Callenberg, Sprecherin des Verlags Kiepenheuer & Witsch, hat er alle seine Gespräche abgesagt. Wieso, fragt man sich als Beobachter, sagt er nicht einfach mal: „Alle Vorwürfe sind unangebracht. Ich verstehe sie nicht. Ich bin ein Geschichtenzähler und kein Brauner.“

Eine Selbstinszenierung?

Vielleicht, weil der Wirbel den Verkaufszahlen dienlich ist? Das Buch „Imperium“ schnellte auf Platz vier der Spiegel-Bestsellerliste. Ist die Rolle des scheuen, ängstlichen Rehs eine Marketingmaschinerie? Eine Selbstinszenierung?

Am vergangenen Donnerstag hat Christian Kracht aus „Imperium“ gelesen, in der Leipziger Universitätsbibliothek.  Es ist seine zweite „Imperium“-Lesung in der Öffentlichkeit, die erste auf deutschem Boden. Es wäre eine Chance, die Debatte um eine wichtige Meinung zu ergänzen. Um die des Autors.

Text: Tobias Fülbeck, Susanna Zdrzalek

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