buch.MACHER — 19.03.2012 16:40


von Gabriel Kords & Matthias Mockler
Bessere Kritik als von Mutti

Wer Schriftsteller werden will, muss erzählen können. Doch wie lernt man das? Und reicht das? Die meisten Autoren sind Autodidakten, in Leipzig kann man allerdings auch einen anderen Weg nehmen: Am Deutschen Literaturinstitut an der Leipziger Uni kann man Literatur studieren. Der Studiengang heißt “Literarisches Schreiben”. Wer es auf einen der raren Studienplätze schafft, wird umfassend ausgebildet. Bei der L3-Lesung in der Moritzbastei lasen einige der Nachwuchs-Schrifsteller aus ihrer neuen Anthologie “Tippgemeinschaft”, die einmal im Jahr erscheint. Einer davon war Matthias Jügler. Mit ihm haben sich die Buchmessies unterhalten. Er erzählt vom Studienalltag – und warum sich das Studium lohnt.

Buchmesse in Leipzig, das muss Dein Herz doch höher schlagen lassen. Was bedeutete die Messe für Dich als Literaturstudent?
Durch die Buchmesse hat man den ganzen Literaturbetrieb plötzlich vor der eigenen Haustür. Auf der einen Seite gibt es die großen, wichtigen Verlage, mit denen man in Kontakt kommen kann. Auf der anderen Seite kommen natürlich auch viele Autoren, die genau das machen, was wir Literaturstudenten später auch mal machen wollen: eigene Romane, Bücher, Erzählbände veröffentlichen. Darum kann ich auf der Messe erleben, wie es später im Beruf laufen kann. Ich glaube, viele von uns Literaturstudenten, meine Person eingeschlossen, sind noch ziemlich naiv und denken, man schreibe ein Buch und dann komme ein Verlag und sagt: „Wir veröffentlichen das.“ Aber tatsächlich gibt noch sehr viele Zwischenschritte, der Betrieb ist riesengroß.

Wie muss man sich das vorstellen? Wohin gehst du auf der Messe?
Auf die Messe selbst bin ich in diesem Jahr überhaupt nicht gegangen. Da ist es mir einfach zu voll. Das Programm in den Messehallen ist ja auch eher was für den Konsumenten. Für mich heißt Buchmesse, dass wichtige und interessante Leute in der Stadt sind. Deshalb fand ich es wichtiger, zu den Lesungen von „Leipzig liest“ zu gehen. Und bei der Langen Leipziger Lesenacht in der Moritzbastei habe ich auch selbst gelesen. Man sollte die Abende nutzen, um mit Leuten aus dem Literaturgeschäft ins Gespräch zu kommen und um sich selbst zu präsentieren. Denn der Erfolg auf dem Büchermarkt kommt nicht von allein. Es sagt Dir ja keiner: „Du schreibst auch? Super, dann machen wir ein Buch mit Dir.” Man muss da schon ein bisschen offensiv werden.

Du studierst am Literaturinstitut, dort liegt der Fokus klar auf dem Schreiben. Aber kann man Schreiben wirklich lernen und studieren?
Es wird sicher nicht passieren, dass ein Professor sagt: „Heute lernen wir, wie man eine Romaneröffnung schreibt und die letzten Sätze eines Romans lernen wir dann am Ende des Semesters.” Es sagt auch keiner: „Ich möchte, dass du Dein Manuskript jetzt so und so schreibst.” Ich spreche mit den Dozenten darüber, was ich mit meinen Texten erreichen möchte und wie ich da am besten hinkomme. Ich denke, das Schreiben selbst kann man nicht wirklich lernen. Aber wie man mit den eigenen Texten besser umgeht, schon. Und da hilft es auch, sich von Zeit zu Zeit mit den Texten anderer zu beschäftigen.

Die Studierenden geben jährlich eine Antologie heraus. So sieht die aktuelle aus.

Ungefähr 600 Schreibbegeisterte haben sich mit Dir um die 20 Plätze am Literaturinstitut beworben. Wie erklärst Du Dir, dass sie Dich genommen haben?
Das weiß ich nicht. Ich habe meine Chancen als sehr gering eingeschätzt. Aber ich wollte meine Schreibe einfach professionalisieren. Ich wollte aufs Ganze gehen. Für mich gab es vor fünf, sechs Jahren ein Schlüsselereignis: Ich habe angefangen, neben der Pflichtlektüre in der Schule regelmäßig zu lesen. Das hat mir so großen Spaß gemacht, dass ich selbst anfing, Geschichten zu schreiben. Als ich dann gemerkt habe, dass es für mich mehr war als ein Hobby, habe ich mich in Leipzig beworben. Natürlich mit dem Hintergedanken, dass die mich sowieso nicht nehmen werden. Dann hat’s aber doch geklappt.

Wie sieht so ein Studium am Literaturinstitut aus?
Wir werden zu Text-Experten ausgebildet. Am Institut lesen wir Texte von anderen und kritisieren sie. Wir können aber nicht einfach nur sagen: „Das ist doof, das gefällt mir nicht.” Die Kritik muss schon fundierter sein. Wir müssen gut begründen, warum ein Text aus unserer Sicht sein Ziel erreicht oder verfehlt.

Erreichst du mit Deinen Texten ein breiteres Publikum?
Die Leute, die am häufigsten mit meinen Texten konfrontiert werden, sind Freunde. Häufig sind sie auch Studenten des Literaturinstituts, also literaturaffine Menschen. Auf ihre Meinung kann man mehr Wert legen als auf das Urteil der eigenen Mutti. Die findet natürlich alles toll, was der Sohn macht. Dass wir uns am Literaturinstitut austauschen und gegenseitig ernsthaft kritisieren können, ist ein enormer Vorteil.

Was können die Freunde bei Dir momentan kritisieren? Woran arbeitest du?
Ich schreibe viele Kurzgeschichten. Durch ein Stipendium habe ich seit eineinhalb Monaten jeden Tag Zeit und muss neben dem Studium kein Geld verdienen. Deshalb habe ich endlich mit einem größeren Projekt angefangen. Ich schreibe einen Roman über einen ehemals erfolgreichen Schlagersänger in den 90er Jahren, der berufliche wie private Turbulenzen erlebt. Ich habe so ein Faible für Außenseiter. Kneipen und sympathische Idioten, das mag ich sehr.

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